Jodi Picoult – Bis ans Ende der Geschichte

Roman

 

Verlag: Bertelsmann

Umschlaggestaltung: buxdesign, München

ISBN-13: 978-3570102176

Seiten: 560 Seiten

Erschienen: 31. August 2015

Originaltitel: „The Storyteller“

Übersetzerin: Elfriede Peschel

  

Zum Inhalt

„Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade?“ (Quelle: Verlagsseite)

 

Meine Meinung

Jodi Picoult überrascht in ihren Büchern immer wieder mit Themen, die tabuisiert sind, sowie durch Knall-Effekte am Schluss – in diesem Buch jedoch war einiges typisch für die Autorin, anderes dagegen hat gefehlt. Und so haben mir einige Dinge auch sehr gut gefallen, andere dagegen leider gar nicht.

Ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es in diesem Buch um das Thema Holocaust geht. Wie schon in anderen Büchern der Autorin wird auch diese Geschichte aus Sicht verschiedener Personen erzählt - und das in verschiedenen Zeitebenen.

In der Gegenwart erzählt Sage Singer ihre Sicht der Dinge, eine junge Frau, die den Tod ihrer Mutter noch immer nicht verarbeitet hat und die sehr zurückgezogen lebt, weil sie eine große Narbe im Gesicht hat, die sie als entstellend empfindet. Sie freundet sich mit dem viele Jahrzehnte älteren Josef an, der ihr ein schreckliches Geheimnis anvertraut. Auch aus Sicht Josefs sind einige Kapitel geschrieben, wie er die Freundschaft mit Sage empfindet und was es mit dem ihr anvertrauten Geheimnis auf sich hat.

Ein anderer, großer Erzählstrang ist in der Vergangenheit angesiedelt, in den 40er Jahren, und hier berichtet Minka, Sages Großmutter, von ihren Erlebnissen im Holocaust. Und zu guter Letzt gibt es noch einen weiteren Handlungsstrang, in dem ein fürchterliches Monster in einem kleinen Dorf in Polen wütet. Wie nun die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhängen, werde ich natürlich nicht verraten, manche Zusammenhänge klären sich schon früh, andere erst später.

Durcheinanderkommen kann man nie bei den verschiedenen Personen, denn es ist nicht nur der Name der Person vor jedem Kapitel genannt, aus deren Sicht es geschrieben ist, die Schriftart ändert sich aber zudem bei den verschiedenen Personen, so dass man direkt weiß, wer gerade erzählt.

Die Geschichte von Minka fand ich sehr berührend – auch wenn es schon viele ähnliche Berichte über den Holocaust gibt und ich auch schon einiges aus dieser Zeit gelesen habe. Trotzdem hat mich ihr Schicksal wirklich ergriffen und gepackt. Der Handlungsstrang der Gegenwart hat mich dagegen bei weitem nicht so fesseln können – nicht nur, weil mich die Charaktere nicht überzeugen konnten, sondern auch, weil der Erzählstrang irgendwie sehr konstruiert wirkte; so, als ob er um die Geschichte um Minka herumgebaut wurde. Zu Anfang fand ich das noch nicht so augenfällig, aber gerade im letzten Drittel war das, was geschieht, einfach nicht mehr realistisch und authentisch.

Vielleicht liegt es aber auch an den Charakteren, die zwar nicht schlecht gestaltet, aber auch nicht unbedingt Sympathieträger sind. Gerade Sage, die eine große Rolle im Buch einnimmt, ist ein sehr spezieller Charakter – ich mochte sie zwar, konnte aber ihre Handlungen meist nicht nachvollziehen. Zunächst fand ich Sage schlüssig – auch in ihren Gedanken und Aktionen – gegen Ende aber macht sie eine Entwicklung durch, die so einfach nicht glaubhaft war, weil sich einfach zu viel in sehr kurzer Zeit änderte. Auch Josef war eine Figur, die mich zwiegespalten zurück lässt, weil ich ihn, seine Gedanken und Handlungen einfach nicht verstanden habe, ich nicht weiß, warum er sein Geheimnis so viele Jahre mit sich rumgeschleppt hat und dazu leider auch keine Erklärungen folgten. Am überzeugendsten war da wirklich Minka – und nicht nur, weil sie Schreckliches erlebt hat, sondern weil ich sie schlüssig fand in dem, was sie gesagt und getan hat.  

Der Schreibstil ist gut und flüssig zu lesen. In der Gegenwart wirkt er sehr lebendig, weil es viele Dialoge gibt, in der Vergangenheit scheint er reduzierter auf das Wesentliche und unterstreicht damit nochmal die Erlebnisse Minkas. Hier hat die Autorin auch wunderbar die Atmosphäre einfangen können, das Leid, den Schrecken und die Not der Menschen. In der Gegenwart habe ich ein bisschen mehr Atmosphäre und Spannung vermisst – hier hatte ich leider kaum das Bedürfnis, weiterlesen zu müssen, auch wenn es im letzten Drittel einige Überraschungen und Wendungen gab, die ich aber übertrieben fand - oder anders gesagt: das, worauf ich gehofft habe, nämlich auf eine ganz bestimmte Begegnung, die hat leider nicht stattgefunden. Ich denke, die, die das Buch kennen, wissen, was ich meine.

Insgesamt hat mich das Buch schon unterhalten können, es war aber vor allem die Geschichte um Minka, die mich überzeugt und auch wirklich gepackt hat. Den Erzählstrang drumherum hätte es für mich nicht geben müssen, er wirkte einfach zu konstruiert. Da ich das Thema aber gut fand, mich einzelne Kapitel absolut begeistern konnten, während andere eher überflüssig, aber dennoch nicht langweilig zu lesen waren, gebe ich dem Buch knappe 4/5 Sternen.

 

Mein Fazit

Eine tolle Idee, deren Umsetzung ich leider nicht so gelungen fand. Drei Erzählstränge – einer in der Gegenwart, ein fiktiver und einer in der Vergangenheit – sind zwar geschickt miteinander verknüpft, der Handlungsstrang der Gegenwart wirkt aber sehr konstruiert und konnte mich leider überhaupt nicht fesseln. Ganz anders dagegen, hat mich das Geschehen der Vergangenheit packen und berühren können, hier hat die Autorin nicht nur gut recherchiert, sondern mich vor allem emotional gefangen. Die Charaktere sind in keinster Weise stereotyp, leider aber auch nicht alle sympathisch – nur in wenige konnte ich mich wirklich hineinversetzen. Dafür ist der Schreibstil gewohnt flüssig zu lesen, so dass Langeweile, auch in den nicht so überzeugenden Kapiteln, nicht aufgekommen ist. Ich gebe knappe 4/5 Sternen, weil mich vor allem der Teil der Vergangenheit überzeugt hat und mir die Idee der Geschichte gut gefallen hat. 


Vielen Dank an den Bertelsmann-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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